Vergleichen Body Shaming Gut genug?
Photo by Brad Lloyd on Unsplash

Sie tanzen und leuchten und drehen sich um ihre eigene Achse. Ich stehe da und sehen ihnen zu. Sie bemerken mich gar nicht, machen einfach weiter, so als würde ihnen niemand zu sehen. Zuerst sehen sie alle gleich aus, so als würden sie synchron Tanzen. Aber dann fällt es mir auf: Sie sind alle ganz unterschiedlich, nur auf den ersten Blick gleich. Jedes Blatt für sich ein Unikat.

“Blatt? Was schreibt die denn da?”, fragst du dich vielleicht gerade. Aber ja, Blatt. Ich habe Blättern beim Fallen zugesehen. Beim Tanzen in der Luft und dabei kam mir eine Erkenntnis.

1 x 1 der Gassigehen-Philosophie

Ich glaube jeder Hundebesitzer kennt das. Der Weg die Straße runter oder durch den Park dauert mit Hund meist doppelt, wenn nicht dreimal so lang wie ohne Hund. Alles ist interessant, jeder Grashalm muss beschnuppert werden und jeder Baum markiert. Da hat man als Mensch schon mal einiges an Zeit zum Gucken, Entdecken und Nachdenken. Oft fülle ich die Zeit mit Hörbüchern oder Telefonieren, aber an diesem speziellen Tag im Herbst mal nicht. Der Park war wunderschön. Gelb und orange und voll von zitterndem Laub.

Beim 28. Stopp an einem superwichtigen Grashalm wartete ich. Blick auf eine Wiese, Laubbäume in meinem Rücken. Da bemerkte ich das erste Blatt. Es drehte sich wild um seine eigene Achse und fiel kurz vor mir auf den Boden. Dann das nächste, etwas größer, gelber und anders in seiner Bewegung. Es segelte mehr. Langsam hin und her, bevor es etwas weiter weg auf dem Gras landete. Dann ein drittes. Es überschlug sich. War schon etwas gekrümmter als die anderen beiden. Mein Blick ging nach oben und ich sah sie jetzt überall fallen. Von weitem sahen sie gleich aus, synchron in ihren Bewegungen. Wenn sie aber so nah wie zuvor, direkt vor meinen Augen fielen, konnte man genau sehen, dass sie nicht gleich waren. Ganz und gar nicht. Natürlich, sie alle waren Blätter. Die meisten vielleicht sogar vom selben Baum gefallen. Aber keines glich dem anderen und das gefiel mir. Denn es erinnerte mich an etwas. Erinnerte mich an mich selbst.

Der ständige Vergleich

Wie oft vergleiche ich mich am Tag mit anderen Frauen? Mit ihrer Figur, ihrem Erfolg, ihrer Frisur, ihrem Job, ihren Freunden, ihrer Kleidung…Sehr oft! Manchmal ganz bewusst, häufig aber ganz unbewusst. Wenn ich z.B. auf Instagram herumscrolle und dann 20 Minuten später wieder vom Bildschirm hochblicke bin ich oft schlechter gelaunt als vorher. Ich folge fast nur Frauen in meinem Alter. Dass ich mich mit ihrem Leben vergleiche ist nur logisch, gut tut es mir aber anscheinend nicht. Und dieses Vergleichen und Konsumieren als Inspiration-Suchen abzutun zählt nicht. Denn ich bin danach nicht inspirierter, ich tue nichts mit den gewonnenen “Informationen”.

Das geht nicht nur mir so. Googelt man “Frauen vergleichen sich” findet man hunderte Artikel zu diesem Thema.  Und ich kann das nur aus der Sicht einer Frau schreiben, aber ich bin mir sicher: Männern geht das ganz genau so. Der Sozialpsychologe Leon Festinger hat die Theorie des sozialen Vergleichs aufgestellt. Laut dieser Theorie benötigen wir den Vergleich mit anderen, um Informationen über unser eigenes Selbst sammeln zu können. Wir müssen uns also vergleichen, um für uns selbst festzustellen, wo wir stehen, was wir gut können oder ob wir gut aussehen. Klingt erstmal logisch. Gefährlich wird es aber, wenn wir uns unrealistische Vergleichspersonen suchen. Models in Zeitschriften zum Beispiel, deren kleine Dellen und Pickelchen zu Babyhaut wegretouchiert wurden. Oder Instagramer, deren Leben in ihren Storys nach soooo viel Spaß aussieht. Von einer coolen Veranstaltung zur nächsten. Ein Paket mit Goodies nach dem anderen öffnend. “Unboxing” hier, “Haul” und Rabatt-Code da…

Aufwärtsvergleich nennt Leon Festinger das. Dieser macht auch durchaus Sinn, denn er kann einem aufzeigen, was alles möglich ist. Aber nur wenn er erstens realistisch ist (Stichwort Photoshop) und zweitens du auch wirklich nach einer Veränderung suchst. Aber einfach nur den ganzen Tag konsumieren und dein Leben mit dem von anderen zu vergleichen ist entmutigend und deprimierend, nicht inspirierend.

Es gibt Hoffnung

Jameela Jamil I weigh Jameela Jamil by georgedarrell [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons

Zum Glück gibt es heute viele inspirierende Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Jameela Jamil, eine britische Schauspielerin und Moderatorin, die nicht müde wird, sich gegen das Retuschieren von Bildern  auszusprechen und für ein Mehr an positivem Körpergefühl. Sie hat die Kampagne “I weigh” ins Leben gerufen, bei der Frauen ein Bild von sich mit ihren Errungenschaften, Stärken und Schwächen beschriften, anstatt mit ihren äußerlichen Merkmalen. Der “Wert” einer Person lässt sich nämlich nicht an der Zahl auf der Waage festmachen, so das Ziel der Kampagne. Das unrealistische Bild, das Social-Media-Stars wie die Kardashian-Schwestern malen, ein Bild von immer perfekt gestylten und geschminkten jungen Frauen, die notfalls auch zu “Flat Tummy Tea” oder Appetitzüglern greifen, um ja bloß ihr Gewicht zu halten, verurteilt sie heftig und öffentlich. Sieht die Gefahr, die von dem Vergleich, den junge Frauen hier ziehen, ausgeht. Und dafür feiere ich sie und ihre fast 800.000 Follower bei Instagram auch.

Jameela Jamil I Weigh I Weigh Bild von Jameela Jamil

Aber jetzt nochmal zurück zu den Blättern. Ich stand also so da und mir kam der Vergleich zwischen Blättern und Menschen plötzlich in den Sinn. Genauso wie sie, sind auch wir alle ganz unterschiedlich. Von weitem scheint es vielleicht manchmal nicht so und wir verstecken uns gerne in dem Haufen aus Laub. Aber sieht man genauer hin, sind wir alle doch sehr unterschiedlich, mit individuellen Stärken und Talenten. Wir sehen und fördern diese nur sehr oft nicht, da wir schon früh lernen, dass man bestimmten Regeln folgen sollte, sich oft anpassen muss und dass “gute” Mädchen einen Lolli bekommen. Um die Regeln zu befolgen und ein gutes Mädchen zu sein, müssen wir aber immer wieder herausfinden, was das eigentlich bedeutet und da kommt der Vergleich ins Spiel. Was macht diese oder jene Frau, um so gut auszusehen? Warum hat sie so ein tolles Leben?

Ständiger Vergleich: Wem steht’s besser?
Lizenz 2.0 Generic (CC BY 2.0)

Wenn plötzlich alles anders ist 

Die Erkenntnis ist nicht neu, das ist mir schon klar, aber für mich war sie in diesem Moment zum ersten Mal glasklar. Ich bin wie alle eine Frau, ein Mensch. Aber ich bin auch ganz anders, muss und kann meinen ganz eigenen Weg gehen. Mich nicht ständig mit anderen Vergleichen, denn dann höre ich mich selbst nicht mehr. Finde meinen eigenen Weg nicht. Die Blätter könnten hier mein Vorbild sein. Ein positives Vorbild. Ich schaue ihnen noch ein bisschen beim Tanzen zu, beim Feiern ihrer Individualität und freue mich: Ich bin ein Unikat, genau wie du!

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