Mädchen hält ein lilafarbenes Einhorn in die Kamera. Warum Einhörner mich nerven

Sie sind überall und ein Entkommen ist kaum möglich. Das Kinderzimmer haben sie längst verlassen. Erwachsene Frauen tragen sie auf Handtaschen, Pullovern oder in ihrem Unicorn-Latte mit sich herum. Aber dabei bleibt es nicht. Auch wer Bratwurst, Tesafilm oder Kondome kauft, muss sich mit Einhörnern herumschlagen. Die Einhorn-Invasion macht vor nichts und niemandem halt. Es gibt Einhorn-Duschkappen, Einhorn-Kugelschreiber und „Einhorn-Kotze“, pinke Smoothies aus Drachenfrucht.Dass man mit Einhörnern Geld machen kann, das hatte „Ritter Sport“ im November 2016 vorgemacht, als die neue Einhorn-Schokolade innerhalb von kürzester Zeit ausverkauft war. Da sind andere eben aufgesprungen, alles nicht so dramatisch, könnte man jetzt sagen. Aber so einfach ist es nicht.

Hauptsache, es ist ein Einhorn drauf! Kreisch!

Nichts gegen Fabelwesen, die den grauen Alltag ein bisschen bunter machen. Vielleicht ist da auch ein bisschen Nostalgie der Generation Y im Spiel, die sich gerne an ihre  wohlbehütete Kindheit mit  Zeichentrickfilmen wie „Das letzte Einhorn“ erinnert fühlt. Und das Einhorn, einst sogar von Aristoteles erwähnt, gilt immerhin als Symbol für Reinheit und Unschuld. Wer mag da etwas Böses gegen den Einhorn-Trend sagen? Ein bisschen Feenstaub hat noch niemandem geschadet, oder?

Einhorn-Produkte im Regal

Mit Einhörnern kann man alles verkaufen.

Nur werden die Fabelpferde heute instrumentalisiert von einer Industrie, die anscheinend davon ausgeht, dass Frauen in einer „Mein-kleines-Pony-Barbie-Blase“ leben. Einhörner sind sozusagen die Steigerung aller Mario-Barth-Klischees über Frauen. Hauptsache, ne Handtasche! Hauptsache, mit Glitzer! Hauptsache, es ist ein Einhorn drauf! Kreisch!

Einhorn-Produktmaschinerie verschärft Geschlechter-Klischees

Einhörner stehen heute für das rosarote Glitzer-Prinzessinnen-Reich, in das erwachsene Frauen anscheinend gehören. In dieser Welt „richtet man sein Krönchen“ nach dem Hinfallen und alles ist wieder gut. Alle Probleme werden weggelächelt, eigentlich gibt es sie gar nicht, denn wir sind ja im Regenbogenland. Dabei wollten wir doch raus aus den Geschlechterklischees.

Die Einhorn-Glitzer-Produktmaschinerie verschärft sie jedoch extrem. Wer das für Nonsens hält, der hat „Passion Dust“ noch nicht kennengelernt. Der englische „Independent“ sieht in den Glitzer-Kapseln für die Vagina den „Beweis dafür, dass der Einhorn-Trend offiziell seinen Höhepunkt erreicht hat.“

Einhorn-Glitzer für die Vagina

Denn:  „Passion-Dust-Vagina-Kapseln lassen dich wie ein Einhorn schmecken“, schreibt etwa Elizabeth Licata auf dem englischsprachigen Blog Mommyish, warnt aber vor den Glitzer-Kapseln des US-Unternehmens „Pretty Woman“. Die Kapseln, die zugegebenermaßen mit einem Schmetterling in Regenbogenfarben beworben werden, sollen Frauen sich vor dem Sex einführen: Und zwar, so schreibt der Online-Händler, damit „Deine Yara“ (Vagina) genauso werde, „wie alle anderen Vaginas aussehen, sich anfühlen und schmecken sollten: soft, süß und magisch.“

Einhorn-Spruch

Botschaft aus dem Regenbogenland: sei lieber ein Einhorn als Du selbst.

Ein bisschen unschuldiges Einhorn-Glitzer und alles vermeintlich Unreine ist wie weggezaubert. Nicht nur dass Ärzte vor den Auswirkungen des umstrittenen Produkts für die Gesundheit warnen. So könnten die Glitzerkapseln Entzündungen und Vaginosen auslösen, schreibt etwa die kanadische Gynäkologin Jen Gunter auf ihrem Blog über das „Einhorn-Ejakulat“, wie sie es nennt. Hinzu kommt: Die Kapseln verschärfen den ohnehin latent allgegenwärtigen Eindruck des vermeintlich unperfekten weiblichen Körpers, dessen Geschlechtsteile natürlich nicht „soft, süß und magisch“ sind. Die Vagina braucht jetzt nicht mehr nur eine spezielle Intimwaschlotion, ein Intim-Deo und das perfekte Waxing, sondern auch einen Hauch von süßem Glitzerstaub.

Ein bisschen Zuckerguss für den Toilettengang

Damit wäre die Verniedlichung, Versüßung und „Vereinhornung“ des ansonsten stigmatisierten weiblichen Körpers fast perfekt. Ein bisschen Zuckerguss fehlt allerdings noch.

Der krönende Höhepunkt dieser pinken Ponyhofwelt mit Einhorn-Upgrade ist: glitzernde Sch…! Kein Sch…, äh Scherz. Bei neuen Produkten wie „Glitter Shitter“ oder „Shit the Glitter“ handelt es sich um sogenannte „Einhornkacke“, den Glitzereffekt für den eigenen Stuhl. Den Glitzer aus den Tuben sollen sich „Einhorn-Fans und alle die es werden möchten“ zu Gemüte führen, damit auch der Toilettengang zu einem funkelnden Erlebnis wird. Die Ladies Edition gibt es – natürlich – in rosa. Zwar handelt es sich bei den Tuben laut Beschreibung um einen „Scherzartikel“, von dessen Verzehr abgeraten wird. Glaubt man den Rezensionen, gibt es aber tatsächlich Menschen, die sich schon eine Dosis Glitzer genehmigt haben. Die Wirkung sei leider ausgeblieben, schreibt ein User bei Amazon. Einhorn-Glitzer hin oder her: Kacke bleibt eben Kacke.

Share: