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Es war ein Satz, der meine Stimmung von einem auf den anderen Moment, kippen ließ: „Wir haben keine Sahne.“ Gerade hatte ich in einer Bäckerei ein Stück Erdbeerkuchen bestellt und am liebsten hätte ich es postwendend zurückgehen lassen.

Für mich schmeckt Erdbeerkuchen ohne Schlagsahne etwa neunzig Prozent schlechter als mit. Genauso wie Himbeertörtchen, Sachertorte, Pflaumenschnitte, Rhabarber-Tarte – also um genau zu sein jeder Kuchen. Bis auf vielleicht Sahnetorte. Obwohl…

Der Grund, warum es in der Bäckerei keine Sahne gab: Nur zwei Leute fragen dort am Tag nach Sahne, wie mir die Dame hinterm Tresen erklärte. Dafür lohne es sich nicht die Sahne-Maschine in Gang zu bringen, sauber zu machen usw. Das klingt einleuchtend, und gleichzeitig sehr traurig.

Die rückläufige Sahne-Nachfrage: ein Indiz für den Genussverfall in unserer Gesellschaft

Für mich ist die rückläufige Sahne-Nachfrage ein eindeutiges Indiz dafür, dass der Genuss in unserer Gesellschaft auf dem absteigenden Ast ist. Trinken, Rauchen, genussvolles Essen, all das will kaum noch einer, so kommt es mir vor. Ähnlich sehen das auch Judith Mair und Bitten Stetter, über deren Buch „Moral Phobia“ ich für den Kölner Stadt-Anzeiger einmal schreiben durfte. Darin halten sie uns „Bio-Biedermeiern“ und „Super-Optimierern“ den Spiegel vor: „Kochen ist das neue Ausgehen. Gärtnern statt Alkohol. Wandern statt Sex. Good is the new bad“, schreiben die Trendforscherinnen in ihrem Zeitgeist-Glossar. „Wir wissen nicht, wie es euch geht, aber uns gehen die kommerziell befeuerten Moral-Appelle auf die Nerven und die photogeshopten Heile-Welt-Kulissen ermüden uns: kein Bier mehr in der U-Bahn, Helme für Radfahrer, bitte nicht rauchen, gesund essen – am besten vegan und bio sowieso. Alles in Maßen, vernünftig, schön, sicher und sauber.“

Hoch lebe die Freiheit, sich ungesund zu ernähren

Versteht mich nicht falsch, ich habe nichts gegen gesundes Essen, aber ich möchte gerne die Freiheit haben, mich ungesund zu ernähren, mich allen vermeintlichen Sünden auf der Speisekarte hinzugeben.

Und jetzt möchte ich nicht hören, dass eine Reiswaffel oder ein Dinkelplätzchen genauso gut schmecken wie mein Erdbeerkuchen mit Sahne. Ja, wir essen alle zu viel Zucker. Aber wetten, dass das eher der ist, der in dem ganzen Instant-Kram drin ist, den wir uns am Schreibtisch oder während des Autofahrens reinstopfen? Und nicht in dem bisschen Sahne, das wir Kuchengabel für Kuchengabel genießen.

Sahne ist die dekadente Krönung auf der Genusstorte

Für mich ist Sahne sozusagen die dekadente Krönung auf der Genusstorte. Klar nicht jeder mag Sahne, aber es geht ums Prinzip. Sie steht als Pars pro Toto für den beginnenden Genussverfall.  Erst kann man nirgendwo mehr Sahne kaufen, dann gibt es keinen Kuchen mehr oder nur noch welchen ohne Zucker. Dann fällt die Schokolade weg, dann das Eis usw.. Irgendwann lutschen wir alle nur noch traurig an unserem Frozen Yoghurt. Ohne Topping natürlich.

Wenn es noch Kuchen geben sollte, dann nur auf Instagram zum Angucken. Und der heißt dann nicht mehr Kuchen, sondern „Cupcake“, „Cheesecake“ oder „Crumble“. Natürlich ist das übertrieben und ein „First-World-Problem“ sowieso. Aber für mich ein ziemlich Dringliches. Abschließen kann man diesen Text eigentlich nur mit der letzten Strophe dieses Udo-Jürgens-Klassikers:

„Sie kippte vom Stuhl in der Konditorei,
Auf dem Sarg gab’s statt Kränzen verzuckerte Torten
Und der Pfarrer begrub sie mit rührenden Worten
Dass der Herrgott den Weg in den Himmel ihr bahne
Aber bitte mit Sahne.“

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