Danger

Ich bin ein gebranntes Kind

Mein Vater hat eine Menge Energie dafür aufgebracht, mich vor sämtlichen Gefahren des Lebens zu warnen. Das hat mich früher schon genervt und hält bis heute an. Meine Mutter dagegen, hat alles dafür getan, mich vom Gegenteil zu überzeugen und mich in kleineren und größeren Wagnissen bestärkt. Ich könnte jetzt mutmaßen und eine Theorie dazu aufstellen, warum es sich so verhielt und verhält, aber das lasse ich mal lieber.

Die Gefahr ist überall

Was bleibt ist die Gefahr, denn sie lauert überall. Und davor zu warnen, halten einige Menschen für eine große Aufgabe. Warum nur?

Gestern wurde ich von einem älteren Herrn auf der Straße angesprochen und gefragt, ob es denn nicht gefährlich sei, so wie ich da auf dem Fahrrad fahre. Ich habe die Frage zwar nicht ganz verstanden und gemeint, dass es doch auch nicht ungefährlicher sei, wenn ich zu Fuß ginge oder mit dem Auto fahren würde. Auch wenn wir vermutlich ein paar kommunikative Schwierigkeiten hatten, was blieb war meine Verwunderung. Und ich habe das Gefühl, dass mir solche und ähnliche Ereignisse täglich widerfahren:

  • die Kollegin, die davor warnt, dass die Fußballtore nicht hunderprozentig gesichert seien und sie aus Spaß mal “Kind von Tor erschlagen” gegooglet hat;
  • die Bekannten, die darauf hinweisen, dass der Garten unbedingt durch einen hohen Zaun abgesichert und begrenzt werden müsse;
  • die Werbetreibenden, die Eltern davor warnen, welche Gefahren für Babies überall in der Wohnung bestehen. Es gibt tatsächlich so absurde Sachen wie einen Kopfschutz für krabbelnde Kleinkinder, weil sie ja überall gegen krabbeln können;
  • die Zeitungen, die davon berichten, dass gefährliche Wölfe am Niederrhein gesichtet wurden, aahhhhhh, Hilfe!

Versteht mich nicht falsch, ich bin auch nicht dafür, blind ins Verderben zu laufen oder verantwortungslos mit Menschen und Dingen umzugehen. Absolut nicht.

Und klar, Werbung und Medien nutzen die vermeintlichen Gefahren, um Sensationen zu verkaufen oder Produkte, die keiner braucht, an die Verbraucher*innen zu bringen.

Der Warnzwang einiger Mitmenschen

Aber was steckt hinter dem Warnzwang einiger Mitmenschen? Ich erkläre es mir so: Zum einen könnte dahinter die Projektion eigener Ängste und großer Sorgen auf andere stecken. Zum anderen könnte damit aber auch die vermeintliche eigene Absicherung verbunden sein, bevor eine Gefahr tatsächlich eintritt, gesagt zu haben: “Ich habe es dir ja gesagt”, “Mir kannst du keine Schuld geben, wenn das passiert”, “Hättest du nur auf mich gehört”…

Ich bin der Meinung, dass man sich beides schenken kann und damit keinem geholfen ist. Wenn tatsächlich einmal etwas passiert, braucht es keine Menschen, die dir sagen: “Ich habe dich ja vorgewarnt” oder “Das ist jetzt deine eigene Schuld”, sondern Menschen, die da sind und Dir erst einmal hoch helfen.

Janusz Korczak: Das Recht des Kindes auf seinen Tod

Der polnische Arzt und Pädagoge, als “alter Doktor” bekannt, spricht schon kleinen Kindern grundlegende Rechte zu, die Ihnen ein Leben lang zustehen. Neben dem Recht des Kindes so zu sein wie es ist, und dem Recht auf den heutigen Tag, spricht er Ihnen auch das Recht auf den eigenen Tod zu. Auch wenn es irritierend und dramatisch klingen mag, steckt dahinter die einfache und richtige Botschaft, das Leben in seiner Vielfältigkeit erfahren zu dürfen, auch wenn sich dahinter immer die Möglichkeit einer Gefahr und des Todes verbirgt.

Und übrigens, nur circa 4 % der Todesfälle in Deutschland sind durch Verletzungen oder Vergiftungen bedingt. Der Rest stirbt eines natürlichen Todes, meist durch Krankheit verursacht.

So lange ich also noch lebe, verlasse ich mich auf meine Sinne und halte es mit § 2 und § 3 des kölschen Grundgesetzes: “Et kütt, wie et kütt und et hät noch immer jot jejange”.

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