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Es ist leicht, Dich nicht zu mögen. Wie so viele erwachsene Städter mit Uniabschluss und Jutebeutel. Du seist was für Proleten, sagen sie. Wer Dich besucht, geht wahrscheinlich auch ins Solarium oder auf die Kirmes. Nichts an Dir ist authentisch oder bio.

Ein billiger Abklatsch des fernen Südens

Du riechst nach Chlor und Pommes mit Mayo. Dein Blau ist künstlich, Deine Palmen fehl am Platz. Ein billiger Abklatsch des fernen Mittelmeers. Du Surrogat!, unken sie.

Es ist leicht, all das zu sagen, wenn man jederzeit in einen Flieger nach Barcelona oder Bali steigen kann. Für die Zurückgebliebenen aber bist Du ein Zufluchtsort. Du nimmst sie alle auf, für 3,50 Euro am Tag. Das kleine Stück Süden, gleich um die Ecke, mitten in der Stadt oder am Rande des Dorfs.

Das erste Gefühl von Freiheit im Freibad

Wenn man lange nicht südlicher als bis in den Bayerischen Wald gekommen ist, kann es keinen exotischeren Ort geben. Wenn ich an Dich denke, erinnere ich mich an das erste Gefühl von Freiheit: Hinterm Haus meiner Eltern lag eine Brachfläche, eine kleine „Wildnis“, die ich allein durchqueren durfte, um zu Dir zu laufen: ins Freibad.

Ich war nie gut im Schwimmen, dafür aber im Treibenlassen, Rumliegen und Rutschen. Und Deine riesige blaue Rutsche mit den vielen Kurven war wirklich die beste der Welt. Wenn man den Trick kannte: Badeanzug am Po ein bisschen hochschieben – und gleich rutschte man noch schneller.

Die Rutsche ins Glück

Im Sommer konnte man im Garten meiner Eltern immer hören, wenn der Bademeister durchsagte, dass die kleine Melissa ihre Mama suchte. Aber vor allem hörte man die vielen Juchzer und Jubelschreie von den Kindern auf der großen blauen Rutsche. So klingt Glück, dachte ich.

Heute ist das Freibad jenseits der kleinen Wildnis geschlossen.

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