Na, seid Ihr auch überhaupt nicht in Weihnachtsstimmung? Mir ging es genauso. Aber dann bin ich auf der verzweifelten Jagd nach Geschenken an einem Schaufenster vorbeigelaufen, auf dem stand: „Freut Euch nicht zu spät“. Ich fühlte mich ziemlich ertappt, weil ich  – nicht nur an Weihnachten – gut darin bin, meine Freude auf später zu verschieben. Auf einen Zeitpunkt in ferner Zukunft, an dem alle Probleme gelöst und alle Sorgen verschwunden sind.

Wenn einfach mal alles gut ist, vermute ich, dass ein Fehler vorliegt und durch irgendeine Tür gleich schon das nächste Problem in mein gerade so schönes Leben treten wird. Dass da der Weihnachtsmann oder das Christkind (je nachdem) mit genialguten Geschenken reinschneien könnte, davon gehe ich erstmal nicht aus.

Dass einfach jemand eine Schubkarre voll Glück bei mir ablädt, da komme ich irgendwie nicht mit klar. Da muss doch ein Fehler vorliegen. Gleich wird jemand um die Ecke kommen und sagen, dass eine Verwechslung vorliegt.

Mit ungebremster Freude haben wir Deutschen es nicht so

Ich glaube, das hat auch mit der Mentalität zu tun. Mit ungebremster Freude haben wir Deutschen es ja nicht so. Wir suchen das Haar in der Suppe, das Problem zu jeder Lösung.

Immer gibt es was zu meckern. Die Milch ist sauer. Die Bahn zu spät. Das Wetter zu grau. Die Arbeit zu viel. Und dann fällt auch noch der Tatort aus. Na toll.

Natürlich ist es gut, seinem Ärger Dampf zu machen. Wohin soll man auch sonst damit? Aber noch viel schöner ist es doch, auch die Freude zuzulassen.

Wer sich seines Lebens freut, wirkt verdächtig

Das Problem ist wohl auch, dass man in Deutschland gleich verdächtig wirkt, wenn man sich des Lebens freut. Wer sagt: „Ich bin total glücklich mit meinem Job“ oder „Also mein Tag heute war großartig“, der wirkt gleich wie ein Angeber.

Mitfreuen wäre auch eine mögliche Reaktion. Dann vergisst man auch leichter den eigenen Ärger. Ich bin allerdings selbst nicht so gut darin. Als Journalistin suche ich auch oft den Haken oder lege den Finger in die Wunde. In gewisser Weise bin ich also doppelt vorbelastet, durch meine Mentalität und meinen Beruf.

Mehr Freude für alle

Freunde von mir, die aus Spanien und Südamerika stammen, erzählen mir oft, was ihnen an uns Deutschen als erstes aufgefallen ist: Wie griesgrämig wir dreinschauen, obwohl wir uns im Wohlstand wälzen und es uns objektiv betrachtet ziemlich super geht. Und da haben sie natürlich total recht. In Kolumbien habe ich zum Beispiel Menschen getroffen, die teilweise unter sehr widrigen Bedingungen lebten, die aber trotzdem eine unbändige Lebensfreude in sich trugen. Da könnten wir Deutschen uns 1 bis 15 Scheiben von abschneiden.

Vielleicht trauen wir der Freude beim nächsten Mal einfach über den Weg und lassen sie zu. Ich finde: Weihnachten ist ein guter Termin, um damit anzufangen.

 

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