Waldspaziergang

“O schöner, grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächt’ger Aufenthalt!” (Joseph von Eichendorff, Abschied)

Vergangenes Wochenende waren wir Fridas mit Kind und Kegel unterwegs: 8 Erwachsene, 2 Minis und ein Hund. Früher zog es uns in die Städte und Bars. Jetzt haben wir die meiste Zeit im Wald verbracht. Wir sind wohl alt geworden, aber das ist schon in Ordnung. Es zieht uns in den Wald. Im Wald fühlen wir uns lebendig.

Der Wald ist ein Sehnsuchtsort

Mit dem Bedürfnis nach Wald und Natur stehen wir nicht alleine da. Der Wald spendet uns Ruhe. Er gibt uns in diesen heißen Wochen nicht nur Schatten und ein wenig Abkühlung, sondern auch die frische Luft, die wir brauchen, um einmal tief durchzuatmen. Der diesjährige Trockensommer lässt uns auch um den Wald bangen. Der Schutz des Waldes ist uns wichtig.

Wir Deutschen haben schon ein ziemlich bestimmtes Verhältnis zum Wald. Kein Wunder, denn knapp ein Drittel der Gesamtfläche ist mit Wald bedeckt.

In der Literatur und Kunstgeschichte spielt der Wald eine bedeutende Rolle. Märchen und Sagen spielen im Wald. Der Wald ist ein prägendes Bild der romantischen Epoche. Dem Motiv des Waldes wird sich häufig bedient. Das war früher bei Heinrich Heine so. Und hat sich bis heute nicht verändert. Der Wald bietet Szenen der Idylle an und kann zugleich ein unheimliches, dunkles Schreckensszenario anbieten. Ein Knacken im Unterholz, ein Vogel schreit auf und irgendwo läuft bestimmt ein Sensenmann rum…

Im echten Leben erlebt die Dramatisierung des Waldes gegenwärtig einen neuen Höhepunkt. Was wohl der Wald dazu sagen würde? Ihm wäre es wahrscheinlich schnuppe. Er ist einfach da, und das schon immer.

Der Hype fängt jetzt erst richtig an

Schon mal vom Wurzelfestival oder Rock im Wald gehört? Wer möchte kann nicht nur im Wald heiraten, direkt im Wald in einem Glaspavillon Urlaub machen, sondern auch im Wald begraben werden. Es gibt werdende Mütter, die alleine gebären und sich dazu in den Wald zurück ziehen. Weniger selten sind Kindergärten, pädagogische Aktionen und Naturheilkunde-Seminare, die sich im Wald abspielen. Das Angebot an Wald-Gedöns wächst, der Wald ist auch viral allgegenwärtig und ein ziemlicher Instagram-Hit.

Ob der Wald das liken würde? Wohl eher nicht.

Waldbaden

Sonnenstrahlen im Wald

Die heilende Wirkung

Dem Wald wird eine gewisse Heilkraft zugesprochen. Ein Spaziergang im Wald oder ein 15-minütiges “Waldbaden” soll den Spiegel des Stresshormons Cortisol senken, das Immunsystem wird zugleich gestärkt, der Blutdruck gesenkt. Dahinter können besondere Gerüche des Waldes stecken oder das reine “Im Wald Sein”, das Menschen ziel- und planlos aufsuchen und so zu einem Gefühl von Entspannung gelangen. Der Wald als beliebtes Naherholungsgebiet.

Auch das kümmert den Wald wenig. Der Wald heilt sich selbst.

Ein Stückchen Identität

Der Wald ist aber nicht nur echter Lebensraum. Für mich ist der Wald ein Stück Identität. Die Atmosphäre und die Beständigkeit geben mir Ruhe. Und zugleich zeigt mir der Wald den Lauf der Dinge. Die Veränderungen, Anpassungen und Überlebenskämpfe, die sich zu jeder Zeit abspielen, werden sichtbar. Und ein Bewusstsein für Vergänglichkeit entsteht. Für mich ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit.

Davon zeigt sich der Wald unbeeindruckt. Dem Wald ist das echt egal.

 

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