Stress Weihnachten Aussteigen

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Hier ist Land unter.

Ich bin total unter Feuer.

Ich bin völlig unter Wasser.

Solche Aussagen höre ich in letzter Zeit immer öfter. So kommt es mir zumindest vor. Und ich sage so was auch selbst. Ich möchte gar nicht wissen, wie oft ich in meinem Leben schon das Wort „Stress“ benutzt habe. Bestimmt viel öfter als „Glück“ oder „Sachertorte“ oder „Sommerabend“.

Ganz schön bescheuert, oder? Wenn man sich mal bewusst macht, was man da sagt. Wieso lassen wir uns einfach überfluten? Wieso löschen wir nicht das Feuer, bevor wir verbrennen? Wieso tauchen wir nicht mal auf, wenn wir unter Wasser sind?

Advents-Stress: von einer Weihnachstfeier zur nächsten

Weil wir pflichtbewusst sind, weil zwei Kollegen krank sind, weil das alles ja sonst keiner macht, weil wir unsere Jahresziele erreichen müssen, weil die Hypothek sich nicht von alleine abbezahlt, weil wir im Hamsterrad gefangen sind.

Im Advent verdichtet sich das alles noch mehr. Die Weihnachtsfeiern vom Yoga-Kurs, vom PEKiP, von der Arbeit, von der Kita. Weihnachtsbasare, Nikolausabende, Glühweintrinken.

Verbissener Kampf um Parkplatze in der Innenstadt

Und weil wir ja keine Zeit haben für nichts, kaufen wir viel zu spät viel zu teure Geschenke bei Amazon und sind sauer, wenn der Paketbote zu spät liefert. Anstatt Verständnis zu zeigen, denn der hat garantiert ein stressigeres Leben und beschissenere Arbeitsbedingungen als wir.

Autofahren in der Stadt ist noch anstrengender als sonst. Manchmal wünsche ich mir, wir würden alle genauso verbissen um den Zusammenhalt in Europa kämpfen wie um einen Parkplatz in der Innenstadt.

Das größte Unglück: der Adventskalender ist ausverkauft

Irgendwie verschiebt sich alles in einer Zeit, in der es doch eigentlich viel mehr als sonst noch um das Wesentliche gehen sollte. Wir tun so, als sei es das größte Unglück, wenn der Rituals-Adventskalender ausverkauft ist. Oder das Fotobuch nicht mehr rechtzeitig fertig wird. Oder der Weihnachtsbaum irgendwie mickrig aussieht. Oder Geschwister unterschiedlich große Geschenke bekommen.

Dabei ist das doch alles so egal. Und zeigt doch, dass es uns ziemlich gut geht. Und wir gerade gar keinen Blick dafür haben, dass es anderen sehr schlecht geht. Und das nicht nur irgendwo in weiter Ferne. Im Jemen zum Beispiel, wo vorsichtigen Schätzungen zufolge seit 2015 schon mehr als 80.000 Kinder verhungert sind. In Syrien, wo in diesem nicht enden wollenden Krieg nach Angaben von Aktivisten schon rund 350.000 Menschen gestorben sind.

Schluss mit dem selbst gemachten Stress

Sondern auch hier bei uns: Häufiger als jeden dritten Tag wird eine Frau von ihrem Partner in Deutschland getötet, wie die im November vorgestellten Zahlen des Bundeskriminalamts zur Partnerschaftsgewalt zeigen. Fast 139.000 Frauen und Männer wurden demnach im vergangenen Jahr Opfer häuslicher Gewalt. Rund 10.000 Menschen sterben in Deutschland pro Jahr durch Suizid, habe ich diese Woche gelesen. Genauso viele wie durch Verkehrsunfälle, Aids, Drogen und Gewalttaten zusammen, schreibt die Ärztezeitung. Die allermeisten von ihnen litten unter Depressionen oder einer anderen stigmatisierten psychischen Erkrankung.

Darüber könnten wir uns mal aufregen und mal so richtig wütend werden! Aber all das können wir nur sehen, wenn wir das Hamsterrad einmal kurz anhalten, wenn wir aufgetaucht sind und das Feuer gelöscht haben. Wenn wir uns bewusst machen, dass der Dezember eigentlich für etwas ganz anderes da sein sollte als unseren selbst gemachten Stress.

 

Quellen zum Weiterlesen:

https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/Partnerschaftsgewalt/Partnerschaftsgewalt_2017.html;jsessionid=94074AE920F4E3DADC33CE491F781958.live2292?nn=63476

https://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2018-11/haeusliche-gewalt-partnerschaft-deutschland-auswertung-bundeskriminalamt

https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/depressionen/article/918602/selbstmord-alle-40-sekunden-stirbt-mensch-durch-suizid.html

https://www.nzz.ch/international/unicef-zieht-bittere-syrien-bilanz-350-000-tote-im-buergerkrieg-ld.1365300

https://www.apnews.com/5f92d8bd6eba4286b4c07ae7c6d215f1?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=newsletter_axiosam&stream=top

alle abgerufen: 30.11.2018

 

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