Bücher lesen

Meine Liebe zu Dir begann früh. Schon in der Kindheit. Manchmal habe ich Tage und auch Nächte mit Dir verbracht. Ich habe Dich verschlungen, manchmal innerhalb von ein paar Stunden. War süchtig nach Dir, konnte nicht schlafen, weil Du mich so fesseltest.

Noch heute bist Du mein liebster Begleiter. In jedweder Lebenslage. Nichts beruhigt mich so. Nichts beeindruckt mich so. Nichts berührt mich so.

Gerade wird Dir wieder eine riesige Messe in Frankfurt gewidmet, schon zum 70. Mal. Weil es eben noch viele andere gibt, denen es so geht wie mir.

Du entführst uns, entrückst uns, befreist uns

Nicht ohne Grund: Du entführst uns, entrückst uns, befreist uns. Lässt uns verreisen, auch wenn wir gerade nicht weiter wegkommen als bis zum nächsten Glascontainer. Wir können in Castrop-Rauxel mit den Kogi durch den kolumbianischen Dschungel streifen, in Köln-Chorweiler durch die Upper East Side schlendern, im Hier und Heute das Berlin der zwanziger Jahre erleben. Du lässt uns in Welten eintauchen, die es gar nicht gibt. Lässt in unseren Köpfen ganze Parallel- Universen entstehen.

Wir alle teilen dieses widersprüchliche Gefühl, immer weiter vordringen zu wollen in Dein Innerstes und dann traurig zu sein, wenn alles zu Ende ist. Wir fühlen uns, als hätten wir etwas Wertvolles verloren. Dabei haben wir etwas gewonnen. Sind um eine weitere Geschichte reicher.

Und dürsten nach mehr. Wollen ein neues Exemplar von Dir, eine weitere Facette, eine neue Geschichte.

Manche wollen Dich jetzt digital. Ich nicht. Ich fasse Dich gerne an, rieche an Dir. Fühle, dass Du schwerwiegst in meiner Tasche. Und in meinem Leben.

Du bist kein Fast Food sondern Haute Cuisine

Im besten Fall wirkst Du Dich nämlich auf uns aus, auf unser Leben, auf unser Hier und Jetzt: Ermutigst uns, Hürden zu nehmen, Barrikaden zu überwinden, zu toleranteren Menschen zu werden. Denn Du löst die Grenzen auf: die von Raum und Zeit. Die in unseren Köpfen. Die zwischen uns und „den Anderen“. Wer liest, erweitert seinen Horizont. Wer liest, versteht.

Wer sich Dir widmet, muss sich Zeit nehmen. Du bist kein Fast Food, sondern Haute Cuisine. In jedem Fall großer Genuss.

Netflix und YouTube verdrängen Dich

Wahrscheinlich ist das der Grund, warum Du gerade bei den 20- bis 49-Jährigen nicht mehr so beliebt bist wie früher. In dieser Altersgruppe hättest Du stark an Bedeutung verloren, heißt es in einer Studie des Börsenvereins. Netflix und YouTube ersetzten Dich in dieser Altersklasse, so die Studie. Wie schade. Du passt nicht so richtig in unsere Zeit des schnellen effizienten Konsums. Du bist keine in 45-Minuten-Häppchen servierte Serie, die man im Wachkoma an sich vorbeiziehen lassen kann. Du bist kein Clickbaiting, kein Cat-Content, kein schneller Online-Artikel, keine Zeitschrift zum Durchblättern.

Nein, auf Dich muss man sich voll und ganz einlassen. Du bist nichts für eine schneller Nummer, Du bist was Festes.  Ein Gefährte – für immer.

Danke, liebes Buch

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