Foto: Jeison Higuita on Unsplash

Heute vor 29 Jahren ist sie gefallen.

Die Mauer, die Familien trennte, Freunde, Liebende. Ein ganzes Land. Unser Land.

Der 9. November 1989. Ein glorreicher Tag.

Wir dachten, wir wären wieder vereint, seither.

Aber fast drei Jahrzehnte später müssen wir feststellen, dass wir es nicht sind. Dass die Mauer immer noch da ist. Dass sie uns immer noch trennt.

Menschen im Osten verdienen deutlich weniger als im Westen. Sie tauchen in den Führungsetagen von Wirtschaft und Verwaltung fast gar nicht auf. Viele der Jungen sind weggegangen, gerade auf dem Land, ganze Dörfer sterben aus. Die Perspektiven scheinen zu fehlen. So sehr, dass manche glauben, ihr Ausweg finde sich in den braunen Sümpfen der Rechtsextremen, in dem sie doch nur versinken können.

Schuld an ihrem Schicksal seien die Neuen, die, die gerade erst angekommen sind. Die geflohen sind vor Krieg, vor Hunger, vor Tyrannen. Oder einem Leben, das es nicht mehr wert war, so genannt zu werden. Außer der Hoffnung, dass es woanders besser ist.

Und wenn einzelne der Neuankömmlinge sich falsch verhalten, sogar gewalttätig werden, schlimmste Straftaten begehen, verallgemeinern die Braunen aus dem Sumpf. Als seien sie nicht mehr in der Lage zu differenzieren.

Aber damit sind sie nicht alleine: Die Ausländerfeindlichkeit nimmt auch im Westen, in ganz Deutschland, zu, wie eine neue Leipziger Studie zeigt.

Mauern einziehen, zwischen uns und den Anderen, die vermeintlich schuld sind an allem, was uns widerfährt. Das hatten wir doch schon mal.

Der 9. November 1938. Ein furchtbarer Tag.

Ach ja, das war heute vor 80 Jahren. Die Nacht der Progrome gegen die Juden. Als die deutsche Geschichte in ihr dunkelstes Kapitel stürzte.

Und 80 Jahre nach der Reichsprogromnacht und 29 Jahre nach dem Mauerfall verübt ein hasserfüllter Mann einen Anschlag auf eine Synagoge in Pittsburgh, sitzt eine rechtspopulistische Partei im Bundestag, wollen nationalistische Kräfte in ganz Europa mehr Grenzen. Wollen, dass die EU sich abschottet und Menschen im Mittelmeer ertrinken lässt, weil sie auf keinen Fall die Grenzen überqueren sollen. Unsere Grenzen. Und auf der anderen Seite des Atlantiks baut ein Clown mit orangefarbenen Haaren eine neue Mauer.

Mauern und Grenzen. Wo wir doch alle so frei sein wollen. Aber die Hoffnungsschimmer, sie sind da. Das haben die Midterm-Wahlen in den USA gezeigt. Wir müssen nur bereit sein, sie zu erkennen. Und aus dem Hoffnungsschimmer ein Hoffnungsleuchten zu machen.

Der 9. November 1918. Ein revolutionärer Tag.

So wie vor 100 Jahren, als die Monarchie in Deutschland endete. Die Novemberrevolution. Die erste deutsche Republik. Der Beginn der Demokratie. Kurz darauf: das Ende des Ersten Weltkriegs.

Der 9. November 2018. Ein hoffnungsvoller Tag.

Wir müssen sie noch einmal einreißen, die Mauer. So wie vor 29 Jahren. Wir brauchen eine neue Revolution. Wie vor 100 Jahren. Damit sich das, was vor 80 Jahren geschah, nie wiederholt.

Quellen:

https://www.uni-leipzig.de/service/kommunikation/medienredaktion/nachrichten.html?ifab_modus=detail&ifab_id=7983

https://www.zeit.de/2018/25/ost-west-unterschiede-gehaelter-demografie-ernaehrung-wirtschaft

https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/der-9-november-praegt-deutsche-geschichte-1547342

https://www.welt.de/politik/ausland/article178231448/Lifeline-Horst-Seehofer-sieht-keine-Notwendigkeit-fuer-Aufnahme-von-Migranten.html

alle Zugriff: 8.11.2018

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