Demonstration Meckern Meinung                                                                 Photo by Clem Onojeghuo on Unsplash

Wir Deutschen waren einmal richtig gut darin zu meckern, uns zu echauffieren. Meckern war hierzulande eine perfektionierte Tugend. Selbst wenn uns die Sonne aus dem Arsch schien, gab es immer noch etwas zu monieren. Die Sonne könnte ja bald auch aus den falschen Ärschen scheinen. Auf der Suche nach dem Haar in der Suppe zogen wir uns ockerfarbene Trenchcoats über, nahmen die Lupe zur Hand und rückten die Melone zurecht. In diesem Krimi waren wir alle Held_innen.

Tragische Gestalten in braun

Doch der perfekte Kriminalfilm, in dem wir alltäglich unser detektivisches Gespür unter Beweis stellen dürfen, ist empfindlich gestört worden. Auf einmal sind da Bösewichte in kackbraunen Mänteln aufgetaucht, die nicht nur die Antagonist_innen geben, sondern den Fall auch viel schneller lösen können. Sie tragen so viel Sorge in sich. Tragische Gestalten, die sich in ihrem braunen Leid suhlen und dummerweise auf der falschen Seite stehen, die sich nicht fragen, was wäre und warum gerade für einen kleinen Moment alles so scheiße läuft. Nein, die meinen, dass jetzt schon alles schlecht ist. Wir versuchen zu verstehen und verstehen noch nicht einmal „Ankerzentrum“. Ihre Sorge ist uns unbegreiflich, aber wir haben Angst vor der Übernahme. Aus der Krimikomödie ist ein Endzeithorror geworden. Wir haben nur noch Panik – vor denen, vor den „Besorgten“. Die Welt könnte vor lauter zehnprozentigem Rechtsruck untergehen, das Bild ist – und wir mit ihm ­­- eingefroren.

Besorgte Menschen mit Verlustangst

Die „Besorgten“ beschweren sich tagein, tagaus. Dabei gibt es eine Vielfalt an Themen, aber nur die immer gleichen Schuldigen: die anderen, die Migrant_innen, die Geflüchteten, die Homosexuellen, die Feministinnen. Frechheit, dieses Pack besitzt die Dreistigkeit, nicht nur Zuhause zu meckern, sondern aus dem Kriegsgebiet, der Armut, dem unterbezahlten Job. Und dann fordern die noch etwas, das doch eigentlich den vermeintlich besorgten Bürger_innen gehört. Was wäre, wenn ein Geflüchteter einen Job bekommt? Wenn die Frau gleich bezahlt wird? Die Homosexuellen alle steuerlichen Vorteile genießen? Wo kämen wir denn dahin?

Der Zug ist schon losgefahren

Ja, es gibt diese Verrückten. Sie haben weder die Sorge noch das Meckern perfektioniert. Sie sind einfach sexistische und homophobe Rassist_innen. Die Sonne scheint schon längst aus den falschen Ärschen. Und wir Übrigen? Wir sorgen uns um diese „Besorgten“. Wir diskutieren über den Rechtsruck im Lande, dass die Stimmung bald kippen könnte. Die Rechtsextremen setzen schon lange ihre Agenda, die pure Ablenkung vom selbständigen Denken ist. Einfache Lösungen werden präsentiert und Politiker_innen springen bereitwillig auf diesen Zug auf. Sie wollen die Leute abholen. Dabei haben sie nicht bemerkt, dass der Zug schon längst aus dem Bahnhof gerollt ist.

Bei voller Fahrt gibt es nichts mehr abzuholen. Stattdessen wird sich angebiedert an die unbegründete Sorge der anderen. Verfassungswidrige Grenzschutzkontrollen, ein beförderter Verfassungsschutzpräsident mit fragwürdiger Gesinnung, ein paar abgeschobene Geflüchtete zum Geburtstag – der Diskurs hat sich verschoben. Der menschliche, der demokratische Standpunkt ist aus der Mode gekommen und das Meckern überlassen wir den Falschen, den Braunen.

Trauen wir uns endlich, die echten Probleme zu benennen

Meckern ist etwas zutiefst Demokratisches. Warum trauen wir uns das nicht mehr? Was wäre, wenn wir alle meckern? Wir alle unsere Position festlegen und uns damit festlegbar machen würden? Stattdessen relativieren wir die Rechte anderer, nur nicht die Rechten selbst. Die demokratische Position geht verloren. Wir konzentrieren uns nicht mehr auf unsere Probleme, wir geben unsere Probleme bereitwillig an die Rechten ab. Keiner darf sich mehr beschweren, nur die vermeintlich besorgten Bürger_innen. Die haben ja schließlich Sorgen. Lasst uns auch Sorgen haben. Wichtige, richtige Sorgen, begründete. Lasst uns über Probleme reden, die angesprochen werden müssen, Probleme, die dastehen und dann einer Lösung bedürfen. Damit könnten wir uns herrlich beschäftigen anstatt mit der Sorge um die sogenannten besorgten Bürger_innen.

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Zusammen sind wir viele

Für das Nicht-Meckern gibt es keine Entschuldigung und meckern kann jeder. Also, lasst uns ordentlich meckern, für die Demokratie gegen rechts anmeckern, die Themen übernehmen, die mal unsere waren. Lasst uns meckern, über Sachverhalte, die uns stören. Soziale Ungerechtigkeit, Benachteiligung von Frauen, Homosexuellen, Trans_gender, Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, den Pflegenotstand, Hambacher Forst, Diesel-Skandal und, und, und. Vielleicht auch über die rechts Wählenden – aber als eines der vielen Probleme. Demokratisch meckern, allesamt und über alles, was gerade aus Ärschen scheint.

Meckern als gemeinsamer Nenner

Wenn alle meckern, haben wir schon einen riesigen gemeinsamen Nenner. Wir wären dann die meckernde Mehrheit, endlich wieder Held_innen in unserem eigenen, divers besetzten Kriminalfilm. Lasst uns deutsch und tugendhaft sein, lasst alle mal ran, jede_r kann Sherlock sein. Gleichberechtigtes Meckern für alle. Dann leider auch für Rechte, aber wenn alle meckern, sind sie halt nur noch zehn Prozent der Meckernden.

Mehr Meckern auf hohem Niveau

Wir meckern uns eine schöne neue Welt (-offenheit), wie wir sie kennen und erweitern wollen. Dinge, die für uns selbstverständlich sind – Vielfalt, Solidarität und Austausch. Ich für meinen Teil lasse mich nicht wegmeckern, weder von den rechtsgesinnten in diesem Land noch vom Schweigen der Mehrheit. Ich bleibe da – mit meinen Problemen und denen anderer, die auch meine sein dürfen. Ich stelle sie aus in der großen Galerie namens Demokratie. Wenn ihr euch beschweren könnt, dann kann ich das schon lange. Das nennt man dann Meckern auf hohem Niveau. Und das wäre doch sicher ein Anfang.

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