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Oliver Kahn kommt nicht damit klar, wenn Männer öffentlich weinen. Damit wiederum komme ich nicht klar.

Beim Champions League-Finale am Wochenende zwischen dem FC Liverpool und Real Madrid verletzten sich der Ägypter Mo Salah (Liverpool) und später der Spanier Daniel Carvajal (Madrid). Beide Fußballer gingen weinend vom Platz – verständlicherweise bei einem so wichtigen Finale. Hinzu kommt: Die WM-Teilnahme steht für sie auf dem Spiel.

Trotzdem wunderte sich TV-Experte Kahn in der Halbzeitpause: „Dass die immer alle weinen“. Er erklärte live beim ZDF, hier nachzulesen beim Stern: „Das kann man doch in der Kabine machen. Ich weiß nicht, was sich da eingebürgert hat. Jeder weint immer, wenn er verletzt ist.”

Wieso dürfen Männer im Jahr 2018 ihre Gefühle nicht zeigen?

Wieso dürfen Männer im Jahr 2018 nicht ihre Gefühle zeigen, lieber Oliver Kahn? Weil Sie so beton-hart sein sollen wie der „Titan Kahn“? Weil sich das eben nicht gehört für einen Mann? Weil „ein Indianer keinen Schmerz kennt“?

Schade, dass Vorbilder, wie Sie es sicher für viele Jungen und Mädchen sind, solch überkommene Rollenklischees propagieren. Vielleicht interessiert Sie, dass einer repräsentativen Umfrage des Weltbildverlags zufolge mehr als 80 Prozent der befragten Frauen Männer, die bei rührenden Ereignissen weinen, als „besonders liebenswert“ empfinden. 95 Prozent der Frauen hielten es für richtig, wenn Männer auch sonst vor Publikum Tränen vergießen.

Nur 28 Prozent der Männer finden es ok, vor anderen zu weinen

Im Gegensatz dazu sagten in einer Umfrage der Apotheken Umschau 55 Prozent der Männer, dass es sich nicht gehöre, öffentlich zu weinen. Mehr als die Hälfte der Männer ist also ganz Ihrer Meinung, Herr Kahn. Nur 28 Prozent der Befragten gaben an, es störe sie nicht, vor anderen in Tränen auszubrechen. Als Grund gab mehr als ein Drittel der Männer an, als Kind sei ihnen beigebracht worden, ihre Gefühle möglichst zu verbergen.

Immerhin haben Sie Loris Karius, der nach seinen beiden spielentscheidenden Torwartfehlern weinte, mit Ihrer Anti-Heul-Haltung verschont.

Beim WM-Finale 2002 gegen Brasilien sahen Sie nach Ihrem Torwartfehler und Deutschlands Niederlage auch nicht so glücklich aus. Der ein oder andere meint da auch ein leichtes Glänzen in Ihrem Blick gesehen zu haben. Aber wahrscheinlich hatten Sie nur etwas im Auge.

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