Langschläferin

Photo by Vladislav Muslakov on Unsplash unsplash-logoVladislav Muslakov

Ich bin keine Lerche, auch keine Eule. Ich würde mich eher im Bereich Siebenschläfer ansiedeln: Die halten von Oktober bis Mai Winterschlaf und sind ansonsten nachtaktiv. Ich bin also weder eine  Früh- noch ein Spät-Aufsteherin. Ich bin eine Sehr-Spät-Aufsteherin.

Und ich fühle mich deswegen von meinem Umfeld und von der Gesellschaft diskriminiert. Schon seit ich denken kann. Ich bin die einzige Langschläferin in einer Familie aus Frühaufstehern. Ich weiß auch nicht, was da schiefgelaufen ist.

Die Schule begann um 10 vor 8. Um 6 Uhr musste ich aufstehen, um pünktlich zu sein und an der Dorfbushaltestelle den Bus in die Kleinstadt zu bekommen.  Ohne meine Schwester, die mich regelmäßig wachrüttelte, wenn der Wecker mal wieder seinen Dienst verfehlt oder ich ihn im Halbschlaf ausgeschaltet hatte, hätte ich wohl die Hälfte meiner Schulzeit verpasst.

Körperlich anwesend, geistig noch im Tiefschlaf

In den ersten zwei Schulstunden war ich dann zwar körperlich anwesend,  geistig aber noch im Tiefschlaf. Sämtliche Klassenarbeiten, die ich in den ersten Stunden schrieb, waren schlechter als solche, die ab zehn Uhr angesetzt waren.

Zehn Uhr ist auch heute noch die Zeit, in der ich langsam aufdrehe. Ab neun Uhr fährt mein Betriebssystem hoch. Vorher muss ich noch aufladen, habe ich das Gefühl.  Termine vor halb neun sind eine Zumutung für mich. Um sieben Uhr bin ich in der Regel noch in einem Trance-Zustand: irgendwo zwischen „eben war da noch eine Antilope, die Richtung Regenbogen galoppierte“ und „Welcher Tag ist heute?“

Ich bin froh, wenn ich unter diesen Umständen in der Lage bin, den Lichtschalter zu finden, mich anzuziehen oder den Knopf auf der Kaffeemaschine zu drücken. Doch in dieser von Frühaufstehern dominierten Gesellschaft, bin ich dazu gezwungen, um diese Zeit bereits, Auto zu fahren, Interviews zu führen oder möglichst schlaue Sachen aufzuschreiben.

Ab 17 Uhr habe ich die besten Idee – da machen andere Feierabend

All das ist sozusagen wider meine Natur. Denn beim Biorhythmus handelt es sich um eine genetische Veranlagung. Und doch werde ich deswegen als „faul“ abgestempelt. Denn in Deutschland ist es doch so: Wer um halb sieben bereits am Schreibtisch sitzt, gilt als Leistungsträger. Diejenigen, die erst um halb zehn anfangen, zu arbeiten, sind dagegen Hallodris, brotlose Künstler und überhaupt schlechtere Menschen.

Dabei arbeite ich auch dementsprechend länger, wenn ich später anfange als alle anderen. Und: Ich habe die besten Ideen ab etwa 17 Uhr. Da machen andere schon Feierabend.

Die Krönung ist, finde ich, wenn ich mich vor Frühaufstehern rechtfertigen muss, weil ich am Wochenende erst um elf aufstehe. „Ausschlafen? Länger als bis acht Uhr? Das kann ich gar nicht“, heißt es dann oft. Als sei das auch wieder so eine Art Wettbewerb. Welcher frühe Vogel fängt den Wurm auch am Wochenende? Auch wenn die goldene Morgenstund‘ dann noch bitterer schmeckt als ohnehin schon?

Dürfen wir Langschläfer später anfangen, würden davon alle profitieren

Und doch schaffe ich es im Alltag immer wieder, mich dem Diktat der Frühaufsteher zu unterwerfen. Morgens um acht stehen wir alle zusammen im Stau und ich frage mich dann, ob die Frühaufsteher nicht auch davon profitieren würden, wenn ich (und all die anderen Langschläfer) erst um zehn anfangen würde. (Keine richtige Rush-Hour mehr, weniger Verkehr usw.) Ich sitze benebelt in wichtigen Terminen, die ich dank Kaffee durchstehe und meistens gelingt es mir, die Fassade einer aufgeweckten Person irgendwie aufrecht zu erhalten. Wie gesagt: Meistens.

Immerhin gibt es in vielen Unternehmen inzwischen Gleitzeit und auch einige Bundesländer stellen es den Schulen inzwischen frei, wann der Unterricht beginnen soll, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet.

Es gibt noch Hoffnung, liebe Leidensgenossen

Es gibt also noch Hoffnung, liebe Leidensgenossen, dass wir das System doch noch umkrempeln. Von allen Frühaufstehern würden wir Langschläfer uns etwas mehr Toleranz und Respekt erhoffen. Wir sind nicht faul, wir sind nur zu anderen Zeiten wach als ihr.

Ansonsten, liebe Frühaufsteher, fangt Ihr doch bitte mal erst um 17 Uhr an zu arbeiten. Spitzenergebnisse werden bis ein Uhr nachts erwartet. Nach dieser Tortur könnt Ihr vielleicht erahnen, wie wir uns seit jeher fühlen.

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