Oben ohne: Warum macht ihr das?

Ein Mann, ohne T-Shirt, aber mit Pferd in der Wildnis. Jeder kennt wahrscheinlich das Bild von Putin mit nacktem Oberkörper durch Sibirien reitend. Er zeigt, was er hat und was er kann. Ja ja, er stellt seine Männlichkeit unter Beweis.

Nun laufen mir im wirklichen Leben wenige Wladimirs über den Weg. Es kommt selten vor, dass das Macho-Image derart gepflegt werden muss. Die meisten Männer, die ich kenne, haben nicht das Verlangen, sich patriarchalischer Bilder zu bedienen.

Und dennoch, der Mann mit nacktem Oberkörper stößt mir immer wieder übel auf. Warum nur?

Aus dem Leben einer Lehrerin

Neulich ist es wieder passiert. Im Basketballkurs steht eine Stunde zum Beachbasketball an. Das Wetter ist schön, alle versammeln sich barfuß im Sand, gemeinsames Aufwärmen, ein paar Spiele zur Ballgewöhnung und zack: 2 junge Männer ziehen ihre T-Shirts aus und machen oben ohne weiter. Und ich so: “Bitte zieht Euch wieder an!” Gesagt getan, ein wenig Gelächter der anderen und dann wird weitergespielt als wäre nichts gewesen. Das Ganze zu thematisieren, wäre meine Aufgabe gewesen. Ich habe es aber nicht gemacht. Warum? Wahrscheinlich steckt dahinter eine Mischung aus Beschämung, Unverständnis und Faulheit. Richtig war es wohl nicht. Denn selbst, wenn es die anderen nicht weiter gekümmert hat, mich hat die Szene beschäftigt.

Folgende Fragen kommen mir in den Sinn:

  • Warum zieht ihr Eure Sportkleidung aus?
  • Warum beschäftigt mich das?
  • Warum spreche ich es nicht an?

Der Rahmen macht’s

Natürlich gibt es Situationen, in denen mir ein nackter Oberkörper nichts ausmacht. Diese Szenen spielen sich vorrangig im Privaten ab. Mit Freunden am See, bei schweißtreibender Gartenarbeit und in den eigenen vier Wänden. Das ist okay.

Obenohne am Strand und auf dem Surfbrett: aber sicher!

In der Öffentlichkeit sieht es aber anders aus. Einen viel diskutierten Bereich stellt das Schwimmbad dar: Der Körper wird in Szene gesetzt, ob man will oder nicht. Das Schwimmbad ist ein besonderer Rahmen, der von originären Bildern geprägt ist. In einem anderen Rahmen aus der Öffentlichkeit ist es eindeutiger: zum Beispiel im Fußballstadion.

Die Fans zeigen ihre nackten Oberkörper und demonstrieren, wie hart und stark sie sind. Die Fans der anderen Mannschaft ziehen auch ihre Shirts aus und zeigen, dass sie noch viel härter und stärker sind.

Die Torschützen ziehen ihre Trikots beim Torjubel aus. Die Shaqiris und Balotellis dieser Welt präsentieren ihre Muskeln und zeigen, wie toll sie sind. Sie wissen, dass der Schiedsrichter Ihnen danach die gelbe Karte zeigt.

Und sonst noch:

Der Jogger, der eine Runde in der Stadt läuft und vielleicht vor lauter Hitze sein T-Shirt auszieht. Oder will er doch eher seine zuckenden Muskelfasern zur Schau stellen?

Die Partybesucher, die vor lauter Feierfreude ihre Oberkörper entblößen. Oder wollen Sie doch Aufmerksamkeit erhaschen und sich über andere stellen?

Ein Erklärungsversuch

Welche Botschaft der nackte Männer-Oberkörper ausdrücken soll, ist in den wenigsten Fällen uneindeutig. Dahinter steckt häufig ein: “Guck mal, ich hier. Ich kann das.” Und vielleicht auch: “du Frau, du kannst das nicht.” Das Zauberwort ist Macht.

Neben dem Gefühl von Unverständnis und Beschämung kommt bei mir allerdings noch ein anderes Gefühl dazu: Belustigung. Ja, ich mache mich über Euch lustig! Mir fällt es schwer, Männer, die mir ihren nackten Oberkörper in der Öffentlichkeit entgegenstrecken, ernst zu nehmen.

Genauso bei den beiden jungen Männern aus meinem Kurs.

Bitte lasst das. Ihr müsst das doch gar nicht. Ich sehe Euch auch so.

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